



Zwischen meinen Elterntieren befindet sich fast ständig mindestens ein Tier mit einem leicht beschädigten Maul. Dies rührt von Auseinandersetzungen her oder es stammt von panikartigen Fluchtversuchen, die an den Aquarienscheiben enden. Dazu kann es kommen, wenn sich ein Betrachter zu schnell dem Becken nähert und dadurch die Tiere erschreckt. Zur Heilung setze ich hier dem Wasser allerdings keine Medikamente zu. Ist das Aquarienwasser biologisch einwandfrei, heilen solche kleinen Verletzungen ohne Medikamentengabe schnell wieder ab.
Epiplatys ansorgii nimmt nach einigem Zögern sowohl Flockenfutter wie auch Granulatfutter, bevorzugt aber Frost- und natürlich Lebendfutter. Eine Ernährung mit Trockenfutter wird sicherlich keine Preisträger einer Leistungsschau hervorbringen, aber ich nutze es, um den ersten großen Hunger zu stillen. Sind ein Paar Flocken geschluckt, gibt es als Hauptgang Gehaltvolleres. Zu gehaltvoll bzw. proteinreich sollte man aber nun doch nicht füttern. Ich habe anfänglich den Fehler gemacht, meine Hechtlinge mit Jungfischen von Corydoras gossei zu vergesellschaften. Die Hechtlinge lungern an der Wasseroberfläche herum, während sich die Panzerwelse auf dem Bodengrund aufhalten. Eigentlich eine prima Sache, abgesehen von der erforderlichen, reichlichen Fütterung mit fett- und proteinreicher Nahrung der Panzerwelse, hauptsächlich gereicht in Form von gefrorenen roten Mückenlarven und adulten Artemia. Hin und wieder wurden auch lebende Tubifex gereicht. Während der Fütterungen waren sich die Hechtlinge nicht zu schade, das dargebotene Futter direkt vom Bodengrund aufzunehmen. Es wurde gierig gefressen. Leider führte dieser Umstand zum Ableben meiner beiden besten Zuchtweibchen von E. ansorgii. Der Grund war ein Mangel an Ballaststoffen. Die Panzerwelse wurden umquartiert. Nun teilen sich die Hechtlinge ihr Becken mit einigen Caridina simoni simoni, die in gewissen Abständen den Speiseplan der Epiplatys durch Lebendfuttergaben „direkt vom Erzeuger“ bereichern. Einen ähnlich hohen Ballaststoffanteil dürften Wasserflöhe durch ihre Chitinschalen haben und stellen somit auch ein sehr gutes Futter dar, wird allerdings nur zögernd genommen. Das Beste aus dem Nahrungsmittelportfolio für Zierfische ist bezüglich Epiplatys eindeutig Anflugnahrung. Wiesenplankton oder selbst gezüchtete Drosophila sorgen für vitale und agile Fische. Und wenn bei den Fütterungen gelegentlich eine Made zusammen mit den Fliegen ins Wasser fällt, wird sie ebenfalls gern genommen.
Nun zur Zucht; nach einer Trennungsphase von rund einer Woche setze ich die Tiere paarweise in den schon erwähnten Behältern zur Zucht an. Einzige Einrichtungsgegenstände sind ein Wollmop aus schwarzen Synthetikfasern, die bis auf den Grund des Beckens reichen, und ein luftbetriebener Innenfilter, der mit der bewährten Schaumstoffpatrone bestückt ist. Die Temperatur des Zuchtwassers liegt zwischen 21°C und 25°C. Wichtig ist die biologische Qualität des Wassers. Es sollte mindestens 14 Tage abgestandenes Frischwasser Verwendung finden, die Leitfähigkeit unter 100 µS/cm, der pH-Wert um 6 liegen. Der eingebrachte Filter sollte während der Einlaufphase kontinuierlich laufen, um die Möglichkeit zu bekommen, zumindest einen minimalen Bakterienrasen aufzubauen. Dem Becken werden zwei oder drei Erlenzäpfchen zugesetzt. Das Zuchtbecken sollte an einem ruhigen Platz im Fischraum stehen und sollte nur indirekt Licht erhalten.
Auswahl der Zuchttiere: Epiplatys ansorgii wird nach circa acht Monaten geschlechtsreif, die Totallänge der Fische beträgt jetzt in etwa sechs bis sieben Zentimeter. Entgegen vieler Angaben in der Literatur erreichten meine bislang größten Tiere fast neun Zentimeter im männlichen Geschlecht, während das größte Weibchen auf ungefähr acht Zentimeter heranwuchs. Für einen erfolgreichen Ansatz muss das ausgewählte Männchen größer als das Weibchen sein, da das männliche das weibliche Tier während der Balz und dem anschließenden Laichgeschäft dominieren muss. Das Männchen muss in der Lage sein, „Überzeugungsarbeit“ zu leisten. Einem Männchen, das relativ zum Weibchen größer ist, gelingt dies eher. Außerdem sollten beide Fische selbstverständlich fehlerfrei gezeichnet und frei von körperlichen Defekten sein. Ich wähle stets gut genähte Weibchen aus, die während der Trennungsphase etwas gehaltvoller als der Schwarm im Pflegebecken ernährt werden.
Nach dem Einsetzen des Zuchtgespanns passiert erst einmal nichts. Die ersten Laichgaben konnte ich bislang immer erst nach einer Eingewöhnungsperiode von 2 Tagen entdecken. Diese befinden sich im oberen Drittel des Mops und können in gewohnter Manier abgelesen werden. Die Anzahl der abgegebenen Eier liegt bei optimalen Bedingungen bei täglich rund 15 Stück. Das ist aber eher die Ausnahme, 4-6 Eier sind guter Durchschnitt. Geht die Eiproduktion nach 14 Tagen – manchmal auch schon wesentlich eher - merklich zurück, beende ich den Ansatz und setzte die Zuchttiere zurück in das Pflegebecken.
Einfach “maravilhoso” - Epiplatys ansorgii „Massana GJS 00/2“
Im Rahmen der Leistungsschau der portugiesischen Killifischvereinigung APK im Oktober 2003 lernte ich Eduardo Sardo kennen, der sich genau wie ich auf Panzerwelse und Eierlegende Zahnkarpfen spezialisiert hat. So hatten wir ausreichend Gesprächsstoff über die nächsten Tage. Eduardo lud mich ein, seinen Fischraum in Cascais, einem Vorort von Lissabon, zu besichtigen. Sein Fischraum liegt direkt unterhalb des Daches eines Mehrfamilienhauses und ist somit den erbarmungslosen portugiesischen Sonnenstrahlen während der Sommermonate ausgesetzt. Wassertemperaturen in seinen Aquarien oberhalb der 35°C-Grenze sind nach Eduardos Schilderungen den Sommer über keine Seltenheit. Mit Hilfe von Ventilatoren versucht er die erwärmten Luftschichten im Raum zu verteilen, um so die Temperaturen so niedrig wie möglich zu halten. Viele meiner portugiesischen Freunde berichteten mir, dass sie über den letzten Sommer hinweg ein Großteil ihrer Fische aufgrund zu hoher Temperaturen einbüßen mussten. Gerade die Liebhaber der „kühlen“ Arten aus Westafrika hatten mit den enorm hohen Temperaturen zu kämpfen und erlitten teilweise einen Totalausfall. Schuld daran war der Jahrhundertsommer im letzten Jahr, der unter den portugiesischen Killifischfreunden als „maldito verao“ (verfluchter Sommer) in die Annalen eingehen wird. So kam es auch, dass die Leistungsschau 2003 in Lissabon für portugiesische Verhältnisse mit rund 220 Ausstellungspositionen gemessen an den Vorjahren relativ schwach beschickt war.
Eigentlich gehören Hechtlinge nicht zu meinen Favoriten. Als mir jedoch Eduardo seine Becken mit verschiedenen Epiplatys-Arten zeigte, war ich beeindruckt. In einem schwer einsehbaren Becken schwammen seine Juwelen. „Maravilhosos“, also wunderschön, sollten sie sein. Ich konnte leider keine Fische in dem Becken ausmachen, da es neben dem Kiesboden, noch einen großen Schwammfilter und einen riesigen Wollmop beherbergte, in dem sich die Fische versteckten. Eduardo zog mit dem Kescher einmal durch das Becken brachte seine „Juwelen“ zum Vorschein; herrlich in Blau und Rot leuchtende, top konditionierte Hechtlinge. Es waren Epiplatys ansorgii vom Fundort Massana, der mit dem Code GJS 00/2 belegt wurde. Das alphanumerische Kürzel GJS 00/2 steht für die Aufsammler dieser Fundortvariante, die Herren Guggenbrühl, Juhl und Sewer, die im Jahre 2000 die Fische in der Nähe der Terra typica in Zentral-Gabun fingen.
Eduardo hält alle seine Epiplatys-Arten im Daueransatz in äußerst spartanisch eingerichteten Becken, die außer der schon erwähnten Einrichtung hin und wieder zusätzlich ein Paar Büschel Javafarn, Anubien oder das allseits bewährte Javamoos beinhalten. Alle Becken haben geschätzte 60 Liter Nettovolumen und beherbergen eine Hechtlingsgruppe, die aus mindestens 10 Tieren besteht, wobei sich das Geschlechterverhältnis in etwa die Waage hält. Nach mehreren Stunden Fachgesimpel über die Pflege und Zucht der verschiedensten Arten verlies ich Eduardos Fischraum mit einem Paar Epiplatys ansorgii „Massana GJS 00/2“ und einigen Jungfischen von Epiplatys guineensis „CI 94“, wofür ich mich nochmals herzlich bedanken möchte. Dieses Paar E. ansorgii legte den Grundstein für meinen heutigen Bestand.
Ich pflege meine Tiere in einem 100 Liter fassenden Aquarium mit einer verhältnismäßig großen Grundfläche. Die Höhe des Wasserspiegels spielt eine unwesentliche Rolle, einen Wasserstand von 25 bis 30 cm möchte ich als absolut ausreichend bezeichnen. Eine Filtermatte mittlerer Struktur entlang einer Seitenscheibe übernimmt die biologische Filterung des Wasservolumens mittels eines Lufthebers nach dem Hamburger Prinzip. Meine Wasserwerte für die Pflege liegen im neutralen bis leicht alkalischen, mittelharten bis harten Bereich. Um die organische Belastung des Wassers so gering wie möglich zu halten, wechsle ich in 2-3 wöchigen Abständen ein Teilvolumen des Wassers. Epiplatys ansorgii verträgt Wasserwechsel sehr gut, so dass man gleichzeitig einen größeren Teil wechseln kann. Ein Austausch von bis zu 80% der gesamten Wassermasse wird sehr gut vertragen. Nach jedem Wasserwechsel wird man beobachten können, wie geschlechtlich aktive Männchen ihre Reviere neu abstecken und die Weibchen mit bis zum Zerreißen gespannten Flossen umwerben. Die Tiere leben förmlich auf. Sie zeigen ihre schönsten Farben und ihr volles Verhaltensrepertoire. In solchen Momenten können die größten Männchen recht aggressiv gegenüber unterlegenden Artgenossen werden. Nach einer Viertelstunde haben sich die Verhältnisse innerhalb der Gruppe relativiert und das Alpha-Männchen hat sich ein weiteres Mal behauptet. Beschädigungen des Flossenwerkes sind dabei nicht selten. Hin und wieder geht auch die eine oder andere Schuppe verloren. Um die innerartliche Aggression besser kontrollieren zu können, empfiehlt sich eine Strukturierung der Wasseroberfläche, wo sich die Hechtlinge vorzugsweise aufhalten, mittels Schwimmpflanzen oder anderen Wasserpflanzen, die bis an die Oberfläche reichen. An die Oberfläche reichende Wurzeln aus verschiedenen Hölzern oder weitere Einrichtungsgegenstände sind dafür ebenso geeignet. Fehlen strukturierende Maßnahmen an der Wasseroberfläche werden unterlegende Tiere konsequent und ausdauernd durch dominante Männchen gejagt und in tiefere Wasserschichten verdrängt. Schafft der Pfleger keine Abhilfe, kümmern diese Tiere und bleiben hinsichtlich Ausfärbung, Morphologie und Größe hinter den anderen zurück. Es macht Sinn einen kleinen Schwarm zu pflegen. So sollten mindestens 4 männliche Tiere gehalten werden, um die sporadisch auftretenden aggressiven Handlungen so gut wie möglich zu verteilen. Die Weibchen stehen Ihren Verehrern in nichts nach und können sich ebenso aggressiv gegenüber unterlegenden Männchen wie auch anderen Weibchen gebären. Dies habe ich leidvoll erleben müssen, als ich einen Trio-Ansatz in einem 45x20x20-Becken versuchte. Das kräftigere und kompaktere Weibchen beschädigte das etwas kleinere und unterlegende Weibchen stark. Die Wunden heilten nach Separation und Einsatz eines Fungizides relativ langsam ab.
Für die Inkubation der Eier verwende ich ausschließlich die Nassmethode. Dazu werden die Eier in kleine Kunststoffschalen mit einem Fassungsvermögen von geschätzten 30ml überführt. Ich verwende Wasser aus dem Zuchtbecken und verzichte auf den Zusatz von fungiziden Mitteln. Die Verpilzungsquote liegt bei etwa 30%. Aus den nicht verpilzten Eiern schlüpfen nach rund 14 Tagen kleine Hechtlinge, die sich wie ihre Eltern direkt unterhalb der Wasseroberfläche aufhalten. Sie werden zur weiteren Aufzucht in größere Schalen überführt. In diese Schalen setze ich neben einigen Posthornschnecken, eine Handvoll Schwimmpflanzen, die die Wasseroberfläche fast gänzlich bedecken. Hierfür verwende ich hauptsächlich Pistia stratioites, im Volksmund Muschelblume genannt. Die Schwimmpflanzen sollen dem Bestreben der kleinen Hechtlinge entgegenwirken, die Schalen durch einen mehr oder weniger gezielten Sprung zu verlassen. Nach einigen Lebenstagen sind die kleinen E. ansorgii nämlich kraftvoll genug, um die Oberflächenspannung des Wassers zu durchbrechen. Die Bedeckung der Oberfläche wirkt dem entgegen, außerdem finden die Jungfische im Wurzelgeflecht winzige Lebendnahrung, die die von mir gereichten Artemia-Nauplien und Mikro-Würmchen ergänzen. Das Wasser in den Schalen wechsle ich einmal wöchentlich zu rund 50%. Haben die Jungfische eine Länge von knapp einen Zentimeter erreicht, setzte ich sie in ein 60cm-Becken mit einem Bruttoinhalt von 54 Litern. Nun sind sie aus dem Gröbsten und nehmen willig das erste Frostfutter. In diesem Alter tragen sie ein Sträflingskleid von sieben dunklen Vertikalstreifen auf hellgrauem Grund und sehen ihren Eltern ganz und gar nicht ähnlich.
Epiplatys ansorgii - Massana-Stamm
Epiplatys ansorgii gehören zu den verfressenden Hechtlingsarten
Weibchen von Epiplatys ansorgii sind schlichter als ihre männlichen Pendants gefärbt
Text erschienen im DKG-Journal, 38 (1), Seiten 3 bis 8
Ein letztes Wort zur systematischen Situation um E. ansorgii. Boulenger beschrieb Epiplatys ansorgii 1911 als Haplochilus ansorgii. Er fügte der wissenschaftlichen Erstbeschreibung eine Zeichnung bei, die ganz erheblich von den Tieren abweicht, die wir im Hobby unter der Bezeichnung Epiplatys ansorgii „Massana GJS 00/2“ pflegen. Der morphologische Grundaufbau, die Färbung der Anale sowie die Form der Caudale des gezeichneten Fisches weichen erheblich von meinem Tieren ab. Betrachtet man Jungfische des Massana-Stammes läßt sich aber zumindest eine Übereinstimmung in der Schwanzflossenform feststellen. Diese ist bei den Jungfischen weitaus rundlicher ausgeprägt und passt eher zur Zeichnung in der Erstbeschreibung. Auch der Habitus der „Sträflinge“ entspricht eher der Zeichnung. Interessenten, die tiefer greifende Informationen bezüglich des systematischen Status von Epiplatys ansorgii wünschen, sei der Artikel von Dr. Werner Neumann im DKG-Journal, Heft 3 aus dem Juni 2004 empfohlen.
Marco Endruweit

Jungfische von Epiplatys ansorgii zeigen das erwähnte Sträflingsmuster